Im Windschatten des Empire

Für die Serie “Die Reichsten ihrer Zeit” im Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung habe ich ein Porträt von Abu Bakr al-Kaff geschrieben. In Europa kennt ihn kaum jemand. Für seine Heimat Hadramaut aber war er eine der prägendsten Gestalten der Geschichte. Seine Familie besaß Immobilien in Singapur und handelte in Kairo mit Kaffee. Ihr Vermögen war gigantisch – bis Abu Bakr in seinem Wüstental alles ausgab.

Man muss sich die Erleichterung vorstellen, als sie das Tal erreichen und die Palmenhaine sehen, die lehmbraunen Dörfer, die sich an den Steilhang schmiegen. Nach tagelangem Marsch durch die Wüste Südarabiens, durch Hitze und Sandstürme, bedroht von Beduinenüberfällen. Und immer in Sorge um die Kamele und ihre wertvolle Fracht. Modern und teuer, mit dem Schiff aus Europa herangeschafft: ein Automobil. Es gehört zu den ersten, die in Arabien fahren werden, bestellt von dem Mann, ohne den nichts läuft im Wadi Hadramaut: Abu Bakr al-Kaff.

Eine Straße gibt es nicht im frühen 20. Jahrhundert, die den Hadramaut, im Süden des heutigen Jemen, mit den Häfen am Indischen Ozean verbindet. So müssen die Treiber das Fahrzeug auf den Rücken der Tiere transportieren, in Einzelteile zerlegt, verteilt auf 12 Kamele. Warum importiert jemand ein Auto in eine Gegend, in die nicht einmal eine Straße führt? Abu Bakr, so viel kann man sagen, weiß, was er tut. Sein Clan, alter religiöser Adel, ist überzeugt, vom Propheten selbst abzustammen. In einer Zeit, in der Europas Flotten die Meere beherrschen, betreiben die al-Kaffs ein international operierendes Familienunternehmen, das Häuser besitzt in Fernost und in Kairo mit Kaffee handelt. Abu Bakr ist sagenhaft reich, so reich, dass er dem klammen Sultan den Staatshaushalt finanziert. 1933 schreibt der deutsche Forschungsreisende Hans Helfritz über die Familie, sie seien „die wahren Herrscher des Hadramaut“.

1934 ist der britische Gesandte Harold Ingrams zu Gast bei Abu Bakr in der Stadt Tarim, er staunt über Marmorbäder mit fließendem Wasser und schneeweißen Handtüchern. Die Paläste der al-Kaffs stechen hervor aus den Sand- und Ockertönen des Wüstentals. Die Mauern strahlend weiß oder türkis, stuckverziert, in den Fenstern leuchtet buntes Muranoglas. „Javanischer Stil“, beeinflusst von der Architektur Südostasiens. Von dort stammt der Reichtum, mit dem Abu Bakr Autos kauft und Politik macht.

Die al-Kaffs sind nicht die Einzigen aus der Gegend, die im Ausland Geschäfte machen. Seit Jahrhunderten verlassen junge Männer den Hadramaut und gehen an Bord der Dhaus, der arabischen Segelschiffe, um in der Fremde ihr Glück zu machen. Bis heute erzählt man sich im Jemen Witze über die Landsleute aus dem Süden und ihren sprichwörtlichen Hang zum Geld. Doch der Unternehmergeist ist aus der Not geboren. Das Tal, das so einladend wirkt auf Reisende, die aus der Wüste kommen, ist alles andere als ein Paradies: Karger Sandboden, knappes Wasser, oft reicht die Ernte nicht, um alle zu ernähren, Stammeskriege zermürben die Bewohner. Deswegen leben überall an den Ufern des Indischen Ozeans Händler aus dem Hadramaut, in Ostafrika, Indien und China, vor allem aber in Java und Singapur.

Dort wird Abu Bakr al-Kaff 1886 geboren. Die Familie betreibt in der Stadt ein Handelsunternehmen, in wenigen Jahren hat sie mit Gewürzen, Kaffee und Textilien ein kleines Vermögen verdient. Das Geld investiert sie in Grundstücke und Häuser. Die britische Kolonie wächst schnell und mit ihr, gewissermaßen im Windschatten des Empire, das Imperium der al-Kaffs.

Geschäftshäuser in bester Lage gehören dazu, auch das luxuriöse Hotel de l’Europe, in dem zum Ärger konservativer Exilaraber Alkohol ausgeschenkt wird. In den „Alkaff Gardens“, einem von nur drei Parks in Singapur, stehen für die Besucher japanische Teepavillons und eine Fahrradrennbahn bereit. Als sich die Familienfirma 1907 unter dem Namen Alkaff & Co. registrieren lässt, ist sie der zweitgrößte Steuerzahler in Singapur.

Der Vater schickt ihn in die Wüste. Von der modernen Handelsmetropole ins Mittelalter

Abu Bakr wächst im Reichtum auf. Es ist der Vater, der wie viele Migranten aus dem Hadramaut will, dass seine Söhne mit arabischen Werten großwerden. Und wo ginge das besser als im heimischen Tal? Mit 13 Jahren muss Abu Bakr deshalb ein Dampfschiff nach Aden besteigen. Von jetzt an soll er im Hadramaut leben, in der Heimat, die er noch nie gesehen hat.

Es ist ein Kulturschock, als er vom Kamel klettert: von der Handelsmetropole Singapur ins Wüstental, von der Moderne ins Mittelalter. Lehmhäuser, Esel auf den Straßen, Stammeskrieger. Dazu das primitive Essen, die Hitze der Wüste. Er fühlt sich gestrandet in der fremden Welt, und als er älter wird, geht er daran, sie sich ein bisschen heimischer zu machen. Mit den Einkünften aus dem Handel und den fernöstlichen Immobilien baut sich Abu Bakr ein Stück Singapurer Luxusleben ins südarabische Exil: bunte Villen, ein privates Telefonnetz – und die Autos, mit denen er ein paar Kilometer über die sandigen Wege holpern kann.

Zurück nach Singapur, das geht nicht, Abu Bakr leitet jetzt von Tarim aus die Familiengeschäfte. Und etwas Moderne im eigenen Haus ist ihm zu wenig. Er fühlt sich abgestoßen von der Rückständigkeit, die ihn umgibt, von der Gewalt, der Armut, der desaströsen Infrastruktur. Und er setzt das Familienvermögen hemmungslos für seine Entwicklungsprojekte ein. Man könnte sagen: Er will das Tal ins 20. Jahrhundert kaufen. Er baut Schulen, Bibliotheken, Brunnen, finanziert eine Zeitung. Unsummen gibt er aus, um die kriegerischen Stämme zum Frieden zu motivieren. Und er setzt auf neue Spieler im regionalen Machtpoker: die Briten.

Für die ist Südarabien seit dem Bau des Suezkanals wichtig geworden, die Schiffsroute nach Indien führt daran vorbei. Für einen Moment richtet sich das Auge des Empire auf den Hadramaut und Abu Bakr. Als der Gesandte Harold Ingrams in den Dreißigerjahren Jahren Abu Bakrs Marmorbäder bewundert, da ist er in politischer Mission im Land und fährt mit Abu Bakrs Autos zu Verhandlungen mit Sultanen. Zusammen gelingt es Abu Bakr und dem Engländer 1936 den ersten Friedensvertrag im Hadramaut seit Menschengedenken auszuhandeln. Abu Bakr ist seinem Ziel ein Stück näher. Aber der Friede kommt ihn teuer zu stehen.

Als er von der Königin zum Ritter geschlagen wird, ist seine große Zeit schon vorbei

Immerhin, London zeigt sich dankbar: Bei einem Besuch in Aden 1954 schlägt ihn Queen Elizabeth II. zum Ritter des britischen Empire. Es gibt Filmaufnahmen davon: Die junge Königin setzt die Schwertspitze auf die Schulter eines Mannes in einem traditionellen arabischen Gewand. Er lehnt auf einem niedrigen Stuhl, den die Protokollbeamten eigens beschaffen mussten. Abu Bakr hat sich geweigert, vor Elizabeth zu knien – das tut er nur vor Allah.

Als die Königin ihn ehrt, ist Abu Bakrs große Zeit schon vorbei. Die enormen Kosten für den Frieden und die Millionen für den Sultan haben ihn ruiniert. Neue Devisen- und Mietgesetze im nun unabhängigen Singapur machen die Geschäfte der al-Kaffs immer schwieriger. Als Abu Bakr 1965 stirbt, sind die meisten der Paläste vom sozialistischen Südjemen enteignet.

Das große Geld verdienen jetzt andere aus dem Hadramaut – vor allem eine Bauunternehmerfamilie, die sich im saudischen Dschidda niedergelassen hat. Ihr Name ist Bin Laden. Von Abu Bakr al-Kaff bleiben ein paar javanische Paläste im Wüstensand, Splitter von Muranoglas in den Fenstern. Und sein größtes Projekt, vollendet in den Dreißigerjahren: die „Al-Kaff-Straße“, die erste Straße ins Wadi Hadramaut.

Der Text erschien am 10. August 2013 in der Süddeutschen Zeitung.

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