Ägypten: Auf einmal ganz nah

Kulturziel am Nil - und plötzlich ist Ägypten ganz nah (Foto: C. Heinlein © 2010)

Arabien brennt – und alle sind überrascht. Warum eigentlich? Es wusste doch jeder, wie es im Orient um Menschenrechte steht und um Perspektiven für die Jugend. Die will jetzt nicht mehr stillhalten – und stellt unsere Heuchelei bloß.

Da hat sie’s kalt erwischt, die deutschen Urlauber. Ägypten, das war doch immer: Strand und Tauchen auch im Februar, Sphinx und Mumien, und vielleicht noch Schischa-Abend mit Orient-Häppchen. Kultur rein am Nil, Sau raus am Meer, und Ägypten war irgendwie immer schön weit weg. Und  plötzlich: Plünderer im Museum, Panzer im Badeort, und alles voller Ägypter.

Da stehen sie vor den Pyramiden, die Fernreisenden. Schauen dumm aus der Wäsche und in die Kameras deutscher Privatsender, für die eine Nachricht erst zur Nachricht wird, wenn sie auch Deutsche betrifft. Schnattern in die Mikrofone und hoffen nur eins: Dass ihnen alles nicht zu nahe kommt. Dass niemand ihre Ferien stört. Während ein paar Kilometer weiter ein Volk um seine Freiheit ringt, sich auflehnt gegen die brutale Diktatur. Während sich für Ägypten die Zukunft entscheidet, denkt der Deutsche ans Buffet.

Erbärmlich? So wie wir alle. Ganz davon abgesehen, dass nun mal jedem sein Jahresurlaub am Herzen liegt, seine Reisekasse, und sein Skalp erst recht. Man muss es einfach feststellen: Die Touristen vertreten uns so überzeugend, wie es kein Goethe-Institut je hinbekommen könnte. Von Westerwelle ganz zu schweigen. Was sie da machen, ist Weltpolitik im Pauschalmaßstab.

Es interessiert uns nicht, wenn der Herrscher sein Volk bestiehlt

Jeder, der hinschaut, weiß um die Ungerechtigkeit und Unterdrückung, die Korruption und Inkompetenz der Regime. Weiß um den Bildungsmangel und die Chancenlosigkeit, die Armut und Verzweiflung der Menschen in Arabiens Diktaturen. Der Bauern, die täglich darum kämpfen, ihre Familien durchzubringen, mit weniger als zwei Dollar am Tag. Der Hochschulabsolventen, die nicht die Schari’a wollen, sondern einen Job, das Geld für eine Hochzeit.

Die davon träumen, ein bisschen von dem Leben zu bekommen, das sie im Satellitenfernsehen täglich sehen. Die täglich merken, dass es ihnen vorenthalten wird – und dann vielleicht doch den Bärtigen mit den einfachen Lösungen nachlaufen. All das ist bekannt, seit langem. Warum also überrascht uns die Wut, die sich jetzt Bahn bricht in Tunesien und Ägypten, im Jemen und Jordanien?

Der Pharao: Husni Mubarak war in Ägypten allgegenwärtig, hier im März 2010 auf einem Plakat in Port Fuad (Foto: C. Heinlein © 2010)

Weil wir eben lieber nicht so genau hinschauen. Es interessiert uns nicht, wenn der Herrscherclan sein Volk bestiehlt und seine Gegner foltert, solange nur die Sonne scheint am Meer und alles sauber ist rund ums Hotel. Unsere Politiker empfangen den Potentaten in allen Ehren, zum Staatsbesuch und zur Herz-OP, solange er unsere Autos und Maschinen kauft und die Islamisten ruhig hält. Nicht ohne Grund waren aus Berlin erstmals seit langem kritische Töne über Husni Mubarak zu hören, als er die Anschläge auf koptische Christen kurz nach Weihnachten nicht verhindern konnte.

Da reden sie, Europa und die USA, von Stabilität und Demokratie, und dass die beiden Dinge doch zusammengehören. Und haben dann, wenn es um den Nahen Osten geht, doch lieber Stabilität als Demokratie. Wer weiß denn,  wo das hinführt, wenn diese Araber selbst entscheiden können? In Palästina haben sie 2006 gewählt, und was herauskam, war die Hamas.

Wir sehen nur hin, wenn es kracht

Also haben unsere demokratischen Politiker den nahöstlichen Volkswillen ignoriert, die Eiferer von der Hamas und die Kleptokraten von der Fatah in eine Koalition gezwungen und zugeschaut, wie Palästina in zwei Teile zerbrach. Und reden weiter vom «Friedensprozess» im Heiligen Land, obwohl sie wissen, dass der nicht existiert. Dass Israels Regierung nichts tut, um ihn möglich zu machen und alles, um ihn zu verhindern. Weil sie weiß, dass sie am längeren Hebel sitzt und für den Frieden etwas geben müsste.

Sie wissen das, wie jeder, der es wissen will, und sprechen es nicht aus. Es ist eine heikle Sache mit Kritik an Israel, in Deutschland und auch in den USA. Auch deswegen sind wir am Ende ganz froh über die nahöstlichen Diktatoren, denn sie spielen das Spiel mit. Und es interessiert  uns nicht, wie zornig das die Menschen in Arabien macht, denn die in Israel sind uns halt doch bedeutend näher, sind westlicher, viel mehr wie wir.

Es interessiert uns nicht, wie wütend und frustriert Arabiens Jugend ist, und niemand hat es mitbekommen. Wir sehen nur hin, wenn es wieder einmal kracht. Dann sehen wir sie wieder, diese unheimlichen Araber, so aufbrausend, so bärtig, so verschleiert und so fremd. Und schauen schnell weg, und wollen alles lieber gar nicht wissen. Warum und wie, wer kann das schon verstehen? Es sind eben Muslime.

So lehnen wir uns dann zurück, sind froh, dass alles so weit weg ist. Und schalten um zum Tatort.

Mehr zum arabischen Aufruhr bei morgenland: Demokratie oder Gottesstaat?

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