«Wir wollen moderne Frauen ansprechen»

 

Imra’ah – das heißt auf Arabisch: Frau. Und so heißt auch ein Magazin für Musliminnen, das es seit Kurzem gibt. Es ist eines der ersten in Deutschland, und bisher ist es nur übers Internet zu bestellen. Die Covermodels sehen anders aus als bei Brigitte oder Jolie, sie tragen Kopftücher und niemals schulterfrei. Chefredakteurin Sandra Adeoye erklärt, warum sie trotzdem ein modernes Frauenbild vertritt.

Frau Adeoye, es gibt Dutzende Frauenzeitschriften in Deutschland – wozu eine eigene für Musliminnen?

Sandra Adeoye: Die Frauenmagazine, die es gibt, sind nicht auf die Bedürfnisse muslimischer Frauen zugeschnitten. Wann sieht man da schon mal eine Frau mit Kopftuch als modischen Tipp? Wir behandeln Themen wie Mode und Beauty oder Wellness auf eine ganz andere Art und Weise. In der Mode zum Beispiel: Die muslimische Frau kleidet sich nicht so freizügig wie andere Frauen im Westen. Bei Kochrezepten achten wir darauf, dass sie den islamischen Speisevorschriften entsprechen. Schminktipps sollten nicht so auffällig sein.

«Gerichte, die Männerherzen höher schlagen lassen», Kosmetiktipps, die «dem Mann den Tag versüßen» – glauben Sie nicht, dass solche Schlagzeilen bei vielen Frauen in Deutschland Empörung auslösen?

Adeoye: Empört sind da, glaube ich, vor allem Frauen, die sich in ihrer emanzipierten Art angegriffen fühlen. Aber wir sagen ja nichts gegen die Emanzipation. Die Frauen können starke Frauen sein, im Berufsleben stehen und ihren Glauben ausleben. Und trotzdem möchten sie ihrem Mann gefallen. Das schließt sich ja nicht aus.

Welches Frauenbild wollen Sie denn vermitteln? Das der sittsamen Muslimin, die sich nicht aus dem Haus traut?

Adeoye: Nein! Die Sicht, die wir vermitteln wollen, ist: Ich bin gläubig, ich bin muslimisch, aber ich bin auch ein Stück weit westlich. Wir haben zwar auch Themen, die konservative Musliminnen interessieren können. Aber insgesamt sind wir doch eher darauf ausgerichtet, moderne Frauen anzusprechen. Allerdings wollen wir nicht nur ein bestimmtes Frauenbild darstellen. Wir zeigen im Magazin sowohl Frauen ohne Kopftuch als auch Frauen, die das Kopftuch tragen und fünf Mal am Tag beten.

Und was halten Sie von konservativen Musliminnen, die denken, Frauen sollten zu Hause bleiben?

Adeoye: Wenn das ihre eigene Entscheidung ist … Es gibt ja auch deutsche Frauen, die für sich sagen: «Ich möchte zu Hause bleiben, für Mann und Kinder da sein.» Das ist kein rein muslimisches Phänomen.

Sie greifen in Imra’ah häufig gesellschaftliche und politische Fragen auf. Was sind die Themen, über die Sie schreiben?

Adeoye: Alles, was Frauen interessiert. In der ersten Ausgabe hatten wir einen Text über die rechtsextreme, antiislamische Gruppierung «Pro-NRW», weil das damals ein sehr aktuelles Thema war. Muslimische Frauen sind politisch sehr interessiert, was hier gar nicht so bekannt ist.

Wie kam es zu der Idee für Imra’ah?

Adeoye: Ich war gerade auf dem Weg, zum Islam zu konvertieren. Da nimmt man Medienberichte sehr viel deutlicher wahr. Und was mir da aufgefallen ist, war, dass der Islam meistens sehr negativ dargestellt wurde. Ich habe gemerkt, dass die Darstellung in den Medien und die Art, wie der Islam eigentlich gelebt werden sollte, ziemlich kontrovers zueinander standen. Dann habe ich überlegt, welchen Beitrag ich leisten kann, den Islam so zu zeigen, wie er wirklich ist. An der Uni haben wir den Auftrag bekommen, ein innovatives Magazin zu entwickeln. Das sollte eigentlich fiktiv sein. Aber weil ich diesen Drang hatte, es umzusetzen, ist aus der fiktiven Idee Realität geworden.

Was sagen Muslime zu Ihrem Magazin?

Adeoye: Wir haben sowohl positive als auch negative Reaktionen bekommen. Gott sei Dank mehr positive. Die Frauen sind froh darüber, dass es dieses Magazin jetzt gibt, und auch der Meinung, dass es schon lange Zeit dafür gewesen wäre. Natürlich gibt es auch Muslime, denen wir nicht konservativ genug sind. Aber da muss ich dann sagen: Das war auch niemals unser Ziel.

Sandra Adeoye, 23, studiert Mediendesign. Sie ist die Tochter einer Deutschen und eines Nigerianers und konvertierte vor Kurzem zum Islam. Das Magazin Imra’ah gibt sie im Selbstverlag heraus, sie produziert Texte, Fotos und Layout mit einem kleinen Team ehrenamtlicher Autoren. Imra’ah ist im Internet zu bestellen unter imraah.de.Das Interview erschien am 3. Februar 2011 bei news.de.

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