Schirin Ebadi: «Ich habe keine Angst»

Sie kämpft seit Jahrzehnten für Menschenrechte und Demokratie im Iran. Dafür bekam Schirin Ebadi 2003 den Friedensnobelpreis. Ich habe mit ihr über Islamhass in Europa, über Steinigungen und die Brutalität des Ahmadinedschad-Regimes gesprochen.

 

Frau Ebadi, vor wenigen Tagen wurde der Leipziger Medienpreis 2010 an den Muhammad-Karikaturisten Kurt Westergaard verliehen. Sie haben diese Entscheidung heftig kritisiert. Warum?

Schirin Ebadi: Ich protestiere nicht dagegen, dass Herr Westergaard den Preis bekam. Natürlich ist die Medienstiftung frei in der Entscheidung, wen sie auszeichnet. Ich habe allerdings etwas dagegen, dass eine Medienstiftung, die sich für Pressefreiheit einsetzt, Teilnehmern Informationen vorenthält. Leider wusste keiner von uns muslimischen Teilnehmern vorher, wer ausgezeichnet werden würde. Ich habe erst in Leipzig davon erfahren. Warum? Mir wurde gesagt, das sei aus Sicherheitsgründen geschehen. Wäre es denn gefährlich gewesen, einen muslimischen Teilnehmer wie mich darüber zu informieren?

Gegen die Karikaturen selbst haben Sie nichts einzuwenden?

Ebadi: Ich bin persönlich gegen diese Karikaturen. Ich habe allerdings nichts dagegen, mit Herrn Westergaard an einem Tisch zu sitzen und mit ihm darüber zu diskutieren. Ihm klar zu machen, dass seine Zeichnungen nicht richtig sind. Leider ist es ja so, dass in Europa eine islamfeindliche Atmosphäre ständig wächst. In dieser Situation wirkt eine Karikatur, in der der Prophet Muhammad mit einer Bombe auf dem Kopf zu sehen ist, wie eine Anstiftung zum Hass.

Ein Argument der europäischen Islamkritiker ist die Angst vor der Scharia und ihren brutalen Körperstrafen. Gerade macht der Fall von Sakineh Ashtiani Schlagzeilen, die in Ihrem Heimatland Iran wegen angeblichen Ehebruchs von der Steinigung bedroht ist. Das wirkt auf Europäer abstoßend.

Ebadi: Und damit haben sie vollkommen recht. Dieses Urteil basiert auf einer falschen Interpretation des Islam. Wir protestieren gegen alle solchen Praktiken in islamischen Staaten – und dagegen, dass der Name des Islam dafür missbraucht wird. Undemokratische Staaten wie der Iran interpretieren den Islam so, dass sie ihre eigenen politischen Interessen durchsetzen können. Sie unterdrücken ihre Völker im Namen der Religion. Und ich frage mich, was das mit dem Kern des Islam zu tun haben soll. Es sollte jedenfalls kein Anlass zu Feindseligkeit gegenüber Muslimen sein. Ich bin selbst Muslimin. Weil ich gegen solche Missstände im Iran protestiere, kann ich zur Zeit nicht in meine Heimat zurückkehren.

Im vergangenen Jahr schien das Regime in Teheran ins Wanken zu geraten, als Tausende gegen die angebliche Wiederwahl des Präsidenten Ahmadinedschad protestierten. Inzwischen ist es scheinbar ruhig geworden um die «Grüne Bewegung».

Ebadi: Das stimmt nicht. Aber das Regime ist extrem gewalttätig. Bei Kundgebungen werden die Teilnehmer von Staatsorganen geschlagen, geprügelt, verhaftet. Aus diesem Grund hat sich die Art der Proteste gewandelt. Die Menschen gehen nicht mehr auf die Straße, weil sie Angst um ihr Leben haben müssen. Der Widerstand hat sich ins Internet verlagert, viele Webseiten sind gegründet worden. Und auf die Universitäten. Deswegen sind auch sehr viele Studenten festgenommen worden. Ich möchte aber auch auf etwas anderes hinweisen: Angela Merkel ist eine der führenden Politikerinnen Europas. Sie kritisiert Herrn Ahmadinedschad heftig. Fragen Sie sie, warum im Jahr 2009 Deutschland der wichtigste Handelspartner des Iran in Europa war. Warum eigentlich?

Der Westen ist stark auf das iranische Atomprogramm fokussiert. Ist das ein Problem?

Ebadi: Ich bin gegen die iranische Atompolitik. Ich bin dafür, das die Urananreicherung gestoppt wird. Aus Umweltschutzgründen. Was will man mit dem Atommüll machen? Bei der Haltung der Europäer aber geht es nur um die eigenen Interessen. Ahmadinedschad wird kritisiert für seine Atompolitik. Dabei wird vernachlässigt, dass die Menschenrechte enorm verletzt werden. Wenn man mit dem Iran verhandelt, sollte man nicht nur über das iranische Atomprogramm reden, sondern auch die Menschenrechtsverletzungen im Iran sollten immer ein Schwerpunkt der Gespräche sein.

Ihre Familie lebt zum Teil im Iran, und ist den Repressionen des Regimes ausgesetzt. Haben Sie Angst um Ihre Angehörigen?

Ebadi: Ja. Allen Mitgliedern meiner Familie wurden die Reisepässe entzogen und sie unterliegen einem Ausreiseverbot. Meine Schwester Nuschin wurde Anfang des Jahres festgenommen und bekam infolge der Behandlung im Gefängnis Herzprobleme. Mein Ehemann kam ebenfalls in Haft. Er wurde im Gefängnis dermaßen unter Druck gesetzt, dass er sich bereit erklärte, ein Geständnis vorzutragen, das man ihm vorgelegt hatte. Er musste vor der Kamera behaupten, ich sei gegen den Islam. Zwei Abende hintereinander wurden diese Aufnahmen im Fernsehen gezeigt. Inzwischen wurden beide gegen Kaution bis zur Hauptverhandlung freigelassen.

Damit will das Regime Sie zum Schweigen bringen?

Ebadi: Immer, wenn ich öffentlich auftrete, werden meine Familienmitglieder im Iran verhaftet und unter Druck gesetzt. Meine Schwester ist Dozentin für Zahnmedizin an der Universität, mein Mann ist Ingenieur. Beide sind nicht politisch aktiv. Meiner Familie gegenüber wurde auch geäußert, dass, egal wo ich mich aufhalte, sie mich irgendwann erwischen und töten würden.

Warum haben Sie keinen Leibwächter?

Ebadi: Ich habe keine Angst. Wenn ich ängstlich wäre und mich mit meiner Angst beschäftigen würde, könnte ich nicht mehr frei arbeiten.

Sie leben seit 2009 im Exil. Hoffen Sie, irgendwann in den Iran zurückkehren zu können?

Ebadi: Ich werde zurückkehren, wenn ich sicher bin, dass ich dort meine Arbeit fortsetzen kann. Mir ist wichtig, dass ich die Interessen meines Volkes der Weltöffentlichkeit weitergeben kann. Im Iran wäre das schwierig, dort ist die Zensur sehr strikt. Der Iran ist ein großes Gefängnis für Journalisten.

 

Schirin Ebadi, geboren am 21. Juni 1947 in Hamdan, Iran, ist Anwältin und Menschenrechtsaktivistin. Sie kämpft für die Gleichstellung der Frauen, für die Rechte von Kindern und für eine Justizreform im Iran. Vor Gericht vertritt sie Intellektuelle und Dissidenten, die von der iranischen Justiz verfolgt werden. Im Jahr 2000 wurde sie selbst angeklagt, vorübergehend eingesperrt und mit Berufsverbot belegt. 2003 bekam Schirin Ebadi für ihr Engagement als erste muslimische Frau den Friedensnobelpreis. Das Interview erschien am 12. Oktober 2010 bei news.de.


Tags: , , ,

Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>