Der neue Hass

Burkaverbot, Minarettstreit – «Islamkritik» ist populär in Europa. Manches, was da zu hören ist, erinnert fatal an den Antisemitismus früherer Zeiten. Und die Apologeten des Abwehrkampfes gegen die muslimische Bedrohung gefährden das, was sie angeblich schützen wollen.

 

Im Internet tobt der Kulturkampf am heftigsten. In Foren und auf Kommentarseiten wird aufgerufen zum Kreuzzug gegen die Gefahr, den dunklen Schatten über dem Abendland: gegen den Islam und seine Anhänger, gegen dreieinhalb Millionen Muslime in Deutschland und gegen ihre Glaubensbrüder in Europa und der Welt.

Da ist vom «Machwerk Koran» die Rede, vom «Wüstenräuber Mohammed», von «Musels» und «fanatischen Schwachköpfen». Vorm Tschador und der Burka wird gewarnt, die in Deutschland nichts zu suchen hätten. Dass auf deutschen Straßen weder das eine noch das andere Kleidungsstück allzu häufig zu sehen ist, spielt keine Rolle, es geht ums große Ganze.

Natürlich ist es leicht, im Netz zu pöbeln. Das Medium ist anonym, schnell ist ein Kommentar geschrieben und gepostet, die Regeln des menschlichen Umgangs bleiben da schnell mal auf der Strecke. Das Schlimme aber ist: Was im Internet zu lesen ist, ist leicht entschärft auch anderswo zu sehen und zu hören. Wenn in Talkshows über den Islam debattiert wird, dann bekommt der den lautesten Beifall, der vor Extremisten warnt und die Muslime zur Besserung mahnt.

Merkwürdige Koalitionen entstehen, wenn etwa in Köln gegen den Bau einer Moschee protestiert wird. Da findet sich dann plötzlich ein «islamkritischer» jüdischer Intellektueller wie Ralph Giordano Seite an Seite mit einem rechtsextremen «Bürgerbündnis». Gegen die Vereinnahmung durch die Rechten verwahrte er sich freilich. Und doch: Das, was als «Islamkritik» daherkommt, segelt in gefährlichen Gewässern und läuft nur allzu oft Gefahr, sich in den Untiefen von Rassismus und religiösem Hass zu verirren. Aus «Islamkritik» wird Islamophobie.

Da räsoniert Berlins ehemaliger Finanzsenator Thilo Sarrazin über die Gebärmütter muslimischer Zuwanderinnen, denen «ständig neue kleine Kopftuchmädchen» entsprängen, und über die Geburtenrate der Türken, mit denen diese Berlin eroberten wie einst die Kosovaren das Kosovo. Das klingt schon stark nach Heinrich von Treitschkes Wort von der «unerschöpflichen polnischen Wiege» der Juden, mit dem er 1879 denauslöste. Trotzdem bekommt Sarrazin Beifall, per Leserbrief vom kleinen Mann und auch im Feuilleton.

Vertreter muslimischer Verbände weisen gelegentlich darauf hin, dass manch «islamkritische» Äußerung, ersetzte man in ihr das Wort «Muslim» durch «Jude», eine Woge der Empörung auslösen würde. Ausfälle gegen Muslime aber sind in Deutschland und anderen europäischen Ländern salonfähig geworden. Von dem Plakat, mit dem die Schweizerische Volkspartei SVP im Nachbarland für das Minarettverbot warb, von der düster-bedrohlichen Gestalt im Schleier, den zu Raketen mutierten Minaretten, ist es kein weiter Weg zum Juden mit der Hakennase.

Nur jeder fünfte Deutsche hat kein Problem mit dem Islam

Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, sieht im Schweizer Volksbeschluss zum Minarettverbot den Ausdruck tiefgreifender Ressentiments gegen Muslime. Er vermutet ähnliche Stimmungsbilder in allen europäischen Ländern, und hat damit wohl recht. Einer Umfrage von Infratest dimap zufolge macht sich jeder dritte Deutsche Sorgen um eine Expansion des Islam, nur jeder fünfte hat mit der muslimischen Religion kein Problem. In Frankreich und Dänemark wird über Burkaverbote debattiert, populär wären solche Vorstöße wohl fast überall.

Man verleihe doch nur dem «gesunden Menschenverstand» der Bürger Ausdruck, argumentieren denn auch die Verantwortlichen bei der SVP. Ins gleiche Horn stößt CDU-Sicherheitsexperte Wolfgang Bosbach: Es gebe im Volk eben nun mal eine verbreitete Angst vor dem Islam, und die müsse man ernst nehmen. Damit aber rechtfertigen Politiker die Hetze im Netz, das Geraune von der muslimischen Bedrohung, das «wir» gegen «die». Und machen es sich zu einfach.

«Wer den Islam pauschal für fanatisch, intolerant und undemokratisch hält, der hat keine Angst, sondern Vorurteile», schreibt die Schriftstellerin Hilal Sezgin in der Süddeutschen Zeitung. In einer Demokratie, die die «Islamkritiker» doch zu verteidigen vorgeben, kommt es eben nicht nur auf den Willen der Mehrheit an, sondern auch auf den Schutz der Minderheit und ihrer Interessen.

Sicher, die Minderheit muss sich an die Gesetze halten, sie muss zentrale Werte wie die des Grundgesetzes respektieren. Es ist nicht zu leugnen, dass im Namen des Islam schlimme Dinge geschehen. Dass Terror propagiert und auch verübt wird, dass Frauen gleiche Rechte verweigert werden. Der Islam hat in vieler Hinsicht Schwierigkeiten, mit den Herausforderungen der Moderne klarzukommen, denen seine Anhänger auch in westlichen Ländern gegenüberstehen – die Modernisierungsdebatte unter muslimischen Theologen und Gläubigen steht noch am Anfang. Dass viele Zuwanderer aus ländlichen, patriarchalisch geprägten Gegenden ihrer Herkunftsländer stammen, macht die Sache nicht einfacher.

Anlässe für Kritik gibt es in der Tat genug. Problematisch wird es, wenn alle Muslime in einen Topf geworfen werden. Da wird schnell jeder Türke zum Taliban, und unter jeder Burka wird die Bombe gerochen. «Die Muslime» werden zur homogenen Masse, zu einer Art religiösem Ameisenstaat, dessen einzelne Teile allesamt Dschihad und Scharia nach Europa tragen wollen.

Und dann kommen Forderungen wie diese: Solange es in Saudi-Arabien keine Kirchen gibt, darf bei uns auch keine Moschee errichtet werden. Nun ist in Saudi-Arabien auch Frauen das Autofahren verboten, und Dieben wird die Hand abgehackt. Es gibt keine Demokratie, dafür Zensur und Todesstrafe. Wollen wir uns einen solchen Staat im Ernst zum Vorbild in Sachen Glaubensfreiheit nehmen?

«Die Muslime» gibt es nicht

Und was hat der Kreuzberger Gemüsehändler, der gerne in die Moschee gehen möchte, mit dem Regime in Riad zu tun – oder gar mit Terrorscheich Usama bin Laden? Genauso viel wie der bayerische Bierbrauer mit dem christlich-fundamentalistischen Menschenschlächter Joseph Kony in Uganda, dessen «Widerstandsarme des Herrn» Tausende ermordet hat. «Den Islam» gibt es nicht, und noch viel weniger «die Muslime». Ironischerweise ist es jedoch genau das Argument, das auch islamische Extremisten benutzen: Alle Muslime seien eins, und ihre Gemeinschaft stehe gegen den Rest der Welt.

Diese Sicht zu übernehmen, ist gefährlich. So notwendig eine Debatte über die schwierige Integration muslimischer Migranten ist und darüber, was es bedeutet, wenn schrumpfende europäische Bevölkerungen in einzelnen Orten und Gebieten zur Minderheit gegenüber Zuwanderern werden: Wer Muslime pauschal als Feinde begreift, ihre religiösen Werte ablehnt und ihnen die Gleichberechtigung verweigert, zerstört die westlichen Errungenschaften, für die zu kämpfen er behauptet: den Rechtsstaat, die Toleranz und die Freiheit.

Der Text erschien am 15. Februar 2010 bei news.de.

Mehr zu Thilo Sarrazins Interview mit Lettre International bei morgenland: Die Legende vom tapferen Thilo

Interview mit Islamprofessor Mouhanad Khorchide bei morgenland: «Der Islam bereichert die Gesellschaft»

Tags: , ,

Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>