«Der Islam bereichert die Gesellschaft»

Dieser Mann könnte bald für die Ausbildung deutscher Islam-Religionslehrer verantwortlich sein. Im Interview fordert Mouhanad Khorchide: In Deutschland muss Platz sein für Minarette, Moscheen und Kopftücher.

 

Herr Khorchide, in Europa wird zurzeit viel über Minarette, Burkas, über das Verhältnis zum Islam diskutiert. Brauchen wir ein Burkaverbot?

Mouhanad Khorchide: Seit dem 11. September 2001 wird der Islam hier in Europa verstärkt mit Gewalt und Terror assoziiert. Und das gleiche gilt auch für Symbole, die mit dem Islam zu identifizieren sind, wie Minarette oder Kopftücher. Aber natürlich gab es auch früher schon negative Meinungen über den Islam.

Viele Menschen fühlen sich vom Islam bedroht.

Khorchide: Durch die Terroranschläge im Namen des Islam hat sich das Image der Religion verschlechtert, daher verstehe ich die Ängste der Menschen. Auf der anderen Seite ist der Islam – wie der Religionssoziologe José Casanova immer wieder betont – eine Herausforderung für die Säkularität hier in Europa. In Europa bedeutet Säkularität die totale Verbannung von Religion, von religiösen Symbolen aus dem öffentlichen Raum. Deshalb haben wir in Europa diese Diskussionen über Moscheen und Minarette – Diskussionen, die man zum Beispiel in den USA gar nicht kennt. Wir sollten uns in Europa fragen, ob wir Säkularität nicht reinterpretieren sollten; eher im Sinne einer strikten Trennung zwischen Staat und Religion.

Viele Europäer haben aber keine Probleme mit christlichen Glaubenssymbolen – sondern nur mit islamischen.

Khorchide: Der Islam wird wahrgenommen als «das Andere». Wir sollten stattdessen lieber von einem großen «Wir» reden. In unserer Gesellschaft sollte Platz für alle sein, für Christen, für Muslime, für Atheisten, für alle Menschen unabhängig von ihrer Herkunft und ihren Weltanschauungen. Und dazu gehört dann auch, dass wir den Muslimen vermitteln: Wir haben in unserer deutschen Gesellschaft auch Platz für eure Moscheen, für eure Minarette, eure Kopftücher. Ihr seid willkommen, so wie ihr seid. Über kritische Fragen sollten wir in einem offenen Dialog reden.

Einen solchen Dialog gibt es in Deutschland ja durchaus, zum Beispiel in der Islamkonferenz der Bundesregierung. Viele Bürger sind allerdings skeptisch. Sie meinen, eine abgehobene Elite rede mit Muslimen, sie selbst seien daran aber nicht beteiligt. Wie kann man dem begegnen?

Khorchide: Es ist sehr wichtig, ein Bewusstsein für eine plurale Gesellschaft zu schaffen. Das beginnt schon im Kindergarten. Die Menschen müssen schon im Kindesalter lernen, ihr Gegenüber als Mensch zu akzeptieren und zu respektieren, unabhängig von seiner Herkunft. Auch die Medien haben eine große Verantwortung. Denn oft werden verzerrte Bilder transportiert, es wird eher über Negatives berichtet als über Positives. Und dann entstehen auch in den Köpfen der Menschen verzerrte Bilder. Die Muslime selbst müssen aber auch lernen, sich nicht immer nur zu rechtfertigen. Sie sollten sich überlegen, wie sie die Deutschen davon überzeugen können, dass ihre Religion die Gesellschaft bereichern kann.

Wie erleben Muslime denn diese Herausforderung? Wie gehen sie damit um, dass viele Europäer ihre Religion ablehnen?

Khorchide: Das kommt ganz auf den Einzelnen an. In der Moschee kommen vor allem junge Menschen zu mir; Menschen, die hier geboren und aufgewachsen sind, für die Europa ihre Heimat ist. Ihre Erwartungen an die europäischen Gesellschaften sind sehr hoch – sie wollen aufgenommen und wie Einheimische behandelt werden. Entsprechend groß ist die Enttäuschung, wenn ihnen stattdessen vermittelt wird: Ihr seid die Anderen, ihr gehört nicht dazu. Ihr seid ein Fremdkörper mit eurer Religion und eurem Aussehen. Je nachdem, wie sich die Jugendlichen von der Gesellschaft aufgenommen fühlen, öffnen sie sich dann auch der Gesellschaft gegenüber. Man kann Öffnung nicht nur von einer Seite fordern, sondern es ist ein gegenseitiger Prozess, in dem beide gleichzeitig aufeinander zugehen müssen.

Ein Sprecher des nordrhein-westfälischen Wissenschaftsministeriums hat in dieser Woche bekannt gegeben, dass Sie der Wunschkandidat für den neuen Islam-Lehrstuhl an der Uni Münster sind. Was haben Sie vor, wenn Sie die Stelle übernehmen?

Khorchide: Das Besetzungsverfahren ist noch nicht abgeschlossen. Sollte meine Wenigkeit diesen Lehrstuhl besetzen dürfen, dann sähe ich das als eine große Verantwortung an. Ich sehe den Lehrstuhl als eine Ressource, einerseits für die islamische Theologie, andererseits auch für die Integration der Muslime in Deutschland. Das Bild vom Islam, das junge europäische Muslime in ihren Köpfen haben, kommt nicht zuletzt von ihren Religionslehrern. Deshalb ist es so wichtig, diesen Lehrern einen aufgeklärten Islam zu vermitteln. Man muss ihnen die Bandbreite an Interpretationen innerhalb der islamischen Ideengeschichte vorstellen. Sie motivieren, darüber nachzudenken, auch kritisch über gewisse Inhalte zu reflektieren.

Das scheint allerdings dringend geboten. In Ihrer Doktorarbeit haben Sie sich ebenfalls mit dem islamischen Religionsunterricht auseinandergesetzt. Eines Ihrer Ergebnisse war, dass gut 20 Prozent der österreichischen Islamlehrer ihre Religion nicht für vereinbar mit der Demokratie hielten. Wie sieht es damit in Deutschland aus?

Khorchide: In Österreich hat man einen Fehler gemacht, den man in Deutschland glücklicherweise nicht macht: Man hat schon im Jahr 1982 den islamischen Religionsunterricht eingeführt und sich erst viele Jahre später die Frage gestellt: Wie bildet man die Lehrer aus, wie gestalten wir den Unterricht? Die einzige Qualifikation vieler Lehrer war, dass sie Muslime waren. Bis heute haben viele weder eine theologische noch eine pädagogische Ausbildung. Dazu kommt: Nach dem österreichischen Grundgesetz ist der Religionsunterricht eine innere Angelegenheit der Religionsgemeinschaften. Der Staat darf sich nicht einmischen, darf nicht darüber mitentscheiden, ob ein Kandidat für das Lehramt die nötigen Qualifikationen hat. In Artikel 7 des deutschen Grundgesetzes heißt es dagegen, dass der Staat den Religionsunterricht beaufsichtigt, in Übereinstimmung mit den Glaubensgemeinschaften.

Der Staat muss sich also einmischen?

Khorchide: Der deutsche Staat investiert im Moment viel in die Ausbildung islamischer Religionslehrer. Das Wort «einmischen» hat allerdings einen sehr negativen Beigeschmack. Ich würde eher von einer konstruktiven Kooperation mit den Glaubensgemeinschaften reden. Man muss sich an einen Tisch setzen und über die Ausbildung und die Lehrpläne reden, so wie es in Artikel 7, Absatz 3 des Grundgesetzes vorgesehen ist. Durch den Dialog kann man viel mehr erreichen als durch Restriktionen.

Mouhanad Khorchide, geboren 1971 im Libanon, ist Professor für Islamlehre in Wien. Daneben predigt er als Imam in einer Wiener Moschee. Vor kurzem wurde bekannt, das Khorchide den neu entstehenden Islam-Lehrstuhl an der Uni Münster übernehmen soll. Er wäre damit verantwortlich für eine der zukünftigen Ausbildungsstätten für islamische Religionslehrer in Deutschland. Das Interview erschien am 15. Februar 2010 bei news.de.

Mehr zur Angst der Deutschen vor dem Islam bei morgenland: Der neue Hass

Kommentar zum Islamhasser Sarrazin bei morgenland: Die Legende vom tapferen Thilo

Tags: , , ,

Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>