Düstere Zukunft im glücklichen Arabien

Eine Analyse, die ich für news.de geschrieben habe: Die Welt beunruhigt der Terror im Jemen. Für die Regierung ist al-Qaida nicht das einzige Problem. Bevölkerungsexplosion und Wassermangel bedrohen das traditionelle Gefüge im Land.

 

Mächtig streckt sich der gewaltige Bau in den Himmel, die sechs Minarette ragen weithin sichtbar in den dunstigen Himmel über Sanaa. «Masdschid al-Rais», «Moschee des Führers» nennen die Jemeniten die prächtige Moschee, die Präsident Ali Abdallah Salih in einem Neubauviertel hat errichten lassen. Ringsum liegen Parks und breite Paradestraßen – hier, im Süden der Hauptstadt, zeigt der Präsident seine Macht.

Hinter den staubigen Hügeln aber, die die 2300 Meter hoch gelegene Ebene um Sanaa begrenzen, steht diese Macht in Frage. Rebellen im Norden, Separatisten im Süden, militante Fundamentalisten und aufrührerische Stämme erschüttern das Land. Die US-Regierung und auch Deutschland, Jemens wichtigster Partner in Europa, machen sich Sorgen um die Zukunft des Landes. Wird der Jemen der nächste gescheiterte Staat, ein neues Somalia am anderen Ufer des Golfes von Aden?

Noch nie hatten die Regierenden in der Hauptstadt das Territorium des Jemen wirklich unter Kontrolle, schon immer waren sie angewiesen auf die Zusammenarbeit mit mächtigen Stammesführern. Die haben ihre eigenen Interessen, führen Kriege gegen die Nachbarstämme, und manchmal auch gegen die Herrscher in Sanaa. Einen Staat im europäischen Sinn, ein Gewaltmonopol der Regierung, gab es im Jemen nie.

In mancher Hinsicht funktioniert Politik in Südarabien noch heute so, wie es seit jeher war: Der Herrscher in Sanaa verteilt Geld und Wohltaten an die Scheichs und erkauft sich so deren Loyalität. Dafür geben die Stämme Ruhe. Wenn gewählt wird, dann gewinnt im Stammesland, dessen Bewohner oft weder lesen noch schreiben können, der Kandidat des Stammesoberhaupts, den sich der Präsident gewogen halten muss. Und wenn eine Straße nicht gebaut, ein Stammesmitglied nicht aus der Haft entlassen wird, dann werden bisweilen Touristen entführt, um den Forderungen Nachdruck zu verleihen. Bisher gingen solche Unternehmen meist glimpflich aus.

Die Ölvorräte schwinden

In den letzten Jahren aber wird es für die Regierung immer schwieriger, ihre Wünsche durchzusetzen. Die gesunkenen Ölpreise treffen den Jemen hart – nach Meinung mancher Experten basieren bis zu 80 Prozent des Haushalts auf dem Öl- und Gasverkauf. Üppig waren die Gewinne nie, ganz anders als in Saudi-Arabien oder am Golf. Der Jemen ist eines der ärmsten Länder der Welt und dazu deutlich stärker bevölkert als die Nachbarstaaten auf der arabischen Halbinsel. Gut 20 Millionen Menschen leben im Land, in den nächsten Jahrzehnten könnte sich die Bevölkerung verdoppeln. Wegen der sinkenden Einnahmen hat der Präsident gleichzeitig immer weniger zu verteilen, und Korruption und Misswirtschaft tun ein Übriges.

Was kommt, wenn in einigen Jahren die Ölquellen versiegen, weiß niemand. Denn produziert wird nahezu nichts im Jemen. Die Landwirtschaft wird dominiert von der Kaudroge Qat. Die spielt im sozialen Leben eine überragende Rolle. Ab den Mittagsstunden verlangsamt sich das Leben in den Städten und Dörfern, die jemenitischen Männer sitzen in ihren Häusern, in Läden und an den Straßen zusammen, die Backen gebläht von den leicht berauschenden Blättern des Qatstrauches.

Der Qat frisst einen großen Teil des Einkommens vieler Familien und verhindert den Anbau von Exportfrüchten wie Kaffee und Getreide. Und er verbraucht viel Wasser – das aber ist im ganzen Land rar, das wegen seiner Fruchtbarkeit einst als «Arabia Felix» bekannt war, als das glückliche Arabien. In der Hauptstadt Sanaa sinkt der Grundwasserspiegel dramatisch, schon jetzt muss in vielen Vierteln mit Tankwagen Wasser geliefert werden. Das, was aus den Leitungen tröpfelt, ist zum Trinken ohnehin nicht zu empfehlen.

Im Norden des Landes ist die Unzufriedenheit besonders groß, hier haben sich zaiditisch-schiitische Stämme gegen die Regierung erhoben. Seit mehr als fünf Jahren schon köchelt, weitgehend ignoriert von der Weltöffentlichkeit, ihre Rebellion. Die Aufständischen um den Clan der Houthi werfen der Regierung Benachteiligung und Vernachlässigung ihrer Gebiete vor. Das Regime von Präsident Salih, ebenfalls ein zaiditischer Schiit, bezeichnet die Rebellen als Terroristen, deutet iranische Verwicklungen an. Seit Monaten geht die Armee mit immer brutalerer Gewalt, mit Kampfflugzeugen und Panzern gegen die Houthi-Anhänger vor. Zehntausende sind in der Region Saada auf der Flucht, die Lebensbedingungen der Menschen sind katastrophal, berichten Hilfsorganisationen.

Im Süden, der Anfang der 1990er Jahre nach einem blutigen Bürgerkrieg mit dem Nordjemen vereinigt wurde, wachsen separatistische Strömungen. In dem ehemals sozialistischen Landesteil liegt die vergleichsweise weltoffene Hafenstadt Aden, einst britische Kolonie. Hier ist der Bildungsgrad höher als im Norden, den viele Adener als rückständig empfinden. Bis zur Vereinigung gingen die meisten Frauen unverschleiert auf die Straße, es gab eine Brauerei, die einzige auf der arabischen Halbinsel. Die siegreichen Stammeskrieger des Nordens machten solch unislamischem Treiben ein Ende. Bei Demonstrationen gegen die Bevormundung aus der Hauptstadt Sanaa gab es im vergangenen Jahr auch hier Gewalt und Tote, meldet Human Rights Watch.

Instabilität und schwindender Einfluss der Zentralmacht haben es den Terrorgruppen der al-Qaida in den letzten Jahren leicht gemacht, im Jemen wieder Fuß zu fassen. Vor allem in den Stammesgebieten östlich von Sanaa bewegen sich die Kämpfer, unter dem Schutz lokaler Scheichs, weitgehend unbehelligt. Eine neue Generation von Terroristen ist herangewachsen, die oft schon Gefängniserfahrung hat, die noch brutaler und rücksichtsloser agiert als ihre Vorgänger. Zusammen mit Kameraden aus Saudi-Arabien haben sie sich zur «al-Qaida der Arabischen Halbinsel» zusammengeschlossen und versuchen sich am weltweiten Dschihad, wie das gescheiterte Flugzeugattentat von Detroit gezeigt hat.

Der Westen ist aufgeschreckt

Der Westen, aufgeschreckt von den Horrormeldungen aus Südarabien, will nun aktiv werden. Ende des Monats will Großbritanniens Premier Gordon Brown in London über den Jemen beraten. Eine größere Militäraktion ist wohl erstmal vom Tisch, zunächst soll die Unterstützung für Präsident Ali Abdallah Salih verstärkt werden. Dem kommt die Hilfe wohl gelegen; ob er indes die Interessen seiner westlichen Gönner teilt, ist unklar.

Der Präsident versucht mit aller Macht, das Land zusammenzuhalten. Das Augenmerk seiner Regierung galt dabei bisher viel mehr der Rebellion der Houthis als den Dschihadkämpfern von al-Qaida. Zu großes Entgegenkommen gegenüber dem Westen ist im Jemen unpopulär, und so ist es keineswegs sicher, dass Salih auf Dauer hart gegen al-Qaida vorgehen wird. «Dialog ist der beste Weg», ließ er in einem Interview mit Abu Dhabi TV schon einmal verlauten.

Die Amerikaner wissen, dass sie sich zurückhalten müssen, wollen sie Salih nicht weiter schwächen. Deshalb beschränken sie sich bisher auf Beratung und Unterstützung für jemenitische Militäraktionen. Mit einer Bodenoffensive und Luftangriffen rückte Jemens Armee den al-Qaida-Kämpfern in den vergangenen Wochen zu Leibe. Offenbar wurden mehrere führende Terroristen getötet. Radikale sunnitische Geistliche riefen mittlerweile zum Dschihad auf, sollten die USA intervenieren. Und auch die verbalen Angriffe auf die jemenitische Regierung nehmen zu.

Den Amerikanern und Europäern wird nichts Anderes übrig bleiben, als Salih weiter zu stützen. Denn wenn sein Land zerfällt, droht in Südarabien tatsächlich ein neues Somalia. Noch ist der Jemen keine Front im Terrorkrieg. Aber er wird wohl nicht so schnell von der Agenda verschwinden.

 

Der Text erschien am 18. Januar 2010 bei news.de.

Interview mit dem jemenitischen Außenminister Abubakr al-Qirbi bei morgenland: «Der Jemen ist sicher»

Interview mit dem Büroleiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Sanaa bei morgenland: «Ein Militäreinsatz wäre fragwürdig»

Interview mit Zoé Nautré von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik bei morgenland: Jemen: «Schwieriger als Afghanistan»


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