Handyflirten und «Grilled Kofta»

Internationales Essen mit lokalem Einschlag: Fastfood-Filiale in Istanbul. (Foto: C.Heinlein 2011)

Auch Araber stehen auf Hamburger und Pommes. Das goldene M leuchtet in Dubai an (fast) jeder Ecke, genau wie in Berlin. Doch hinter den globalen Esstrends stecken regionale Unterschiede: In Arabien ist Fastfood nicht einfach nur schnelles und billiges Essen.

 

Eine etwas antiquierte politische Weisheit besagt, dass noch nie zwei Länder gegeneinander Krieg geführt haben, in deren Hauptstädten es McDonald’s-Filialen gibt. Sie beschreibt eine Art Gleichung der politischen Entwicklung: Burger gleich Kapitalismus gleich Demokratie gleich Frieden. Heutzutage aber hat der Fastfoodkonzernseine Lokale überall auf der Welt – auch im unruhigen Nahen Osten ist das goldene M fast omnipräsent. Als Zeichen für politische Stabilität taugt es nicht mehr.

Als israelische Kampfflugzeuge 2006 Beirut attackierten, da konnten die Piloten in den Straßen der Stadt die Leuchtreklamen der gleichen Kettenrestaurants sehen, in denen sie nach ihrem Einsatz zuhause in Tel Aviv ihre Freunde trafen. Selbst im für häufige Entführungen berüchtigten Jemen, einem Land, in dem manche Dörfer noch Zisternen für die Wasserversorgung nutzen, kann man in der Hauptstadt Sanaa frittierte Hähnchenteile von Kentucky Fried Chicken zu sich nehmen. Allerdings: Zum Freitagsgebet bleiben die Türen genauso geschlossen wie die der Hähnchenbraterei im Suq.

Seit den 1990er Jahren haben die amerikanischen Fastfoodketten Arabien erobert. Die ersten McDonald’s-Filialen im Nahen Osten eröffneten 1993 in Israel und Saudi Arabien. Inzwischen ist die Firma in den meisten Ländern der arabischen Halbinsel zu finden. In der Glitzerstadt Dubai und im Moloch Kairo, im mondänen Beirut und im strengreligiösen Riad will die Oberschicht-Jugend teilnehmen an der globalen Popkultur – und da gehört Fastfood eben dazu.

Deswegen gehen junge Ägypter gerne zu McDonald’s, um das kostenlose W-Lan-Netz in den Restaurants zu nutzen. Und im sittenstrengen Saudi Arabien gehören die Fastfoodläden in den Shoppingmalls der Großstädte zu den Orten, an denen sich Jungen und Mädchen unauffällig in Augenschein nehmen können. Im Fall der Mädchen ist das mit dem Augenschein durchaus wörtlich zu nehmen, denn mehr ist hinter dem Schleier von ihnen nicht zu sehen. Dass fremde Jungen sie einfach ansprechen, ist natürlich ausgeschlossen. Deswegen schicken sich die Jugendlichen heimlich Handy-Kurznachrichten von Tisch zu Tisch.

Im Visier von Terroristen

Die Fastfoodrestaurants gehören zu den Orten, an denen Arabien sich verändert. Sie stehen für einen anderen Lebensstil, für den «American Way of Life». Genau das macht sie zugleich zu Zielen religiöser Fundamentalisten, die den Einfluss des Westens fürchten und seine Symbole bekämpfen, manchmal auch mit Waffengewalt. Auf der Homepage des deutschen Auswärtigen Amtes wird ausdrücklich zu besonderer Vorsicht beim Besuch westlicher Kettenrestaurants aufgerufen.

Der westliche Einfluss aufs arabische Essverhalten ist indes keine Einbahnstraße – Arabien verändert zugleich die Fastfoodketten. Wie in anderen Weltregionen auch haben die Konzerne begonnen, auf die Gewohnheiten und Regeln der arabischen Konsumenten einzugehen. Natürlich sind die Menus «halal», nach islamischen Speisevorschriften hergestellt und zubereitet. Und wer in Abu Dhabi oder Beirut durch die Tür mit dem goldenen M tritt, kann wählen zwischen dem profanen amerikanischen «Cheeseburger» und dem nur im Nahen Osten erhältlichen «McArabia Grilled Kofta».

Dass die Whopper und Chicken Wings traditionelle Schnellgerichte wie Falafel, Schawarma oder Hummus ganz verdrängen, ist allerdings unwahrscheinlich. Denn außerhalb der reichen Golfstaaten ist Arabien noch immer arm – und ein Besuch bei McDonald’s ein Luxus, den die meisten sich nur selten leisten können.

 

Der Text erschien am 9. November 2009 bei news.de.

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