«Der Jemen ist sicher»

Der Jemen ist ein gefährliches Reiseland – nicht erst seit der Ermordung und Entführung deutscher Touristen in der Region Saada im Juni. Der jemenitische Außenminister Abubakr al-Qirbi über das Schicksal der Geiseln, al-Qaida und darüber, ob der Jemen ein «failed state» werden könnte.

 

Herr Minister, während Ihres Besuches in Berlin haben Sie auch Ihren deutschen Amtskollegen Guido Westerwelle getroffen. Sein Auswärtiges Amt rät Deutschen von nicht notwendigen Reisen in den Jemen ab – Grund ist die schlechte Sicherheitslagein Ihrem Land. Ist dieser Reisehinweis berechtigt?

Abubakr al-Qirbi: Ich glaube nicht, dass er nötig ist – ich verstehe aber die Gründe dafür. Nach der Entführung, die sich im Jemen ereignet hat, will die deutsche Regierung ihre Bürger schützen. In den letzten zwei Jahren ist die Zahl der Entführungen insgesamt aber deutlich zurückgegangen. Es gibt immer noch eine Bedrohung durch Entführungen, die meisten haben aber lokale Gründe, keine politischen. Letzte Woche wurde ein Japaner entführt, nach drei Tagen wurde er wieder freigelassen, nachdem die Regierung interveniert hatte. Unglücklicherweise gibt es eine Menge Medienecho auf Sicherheitsfragen im Jemen. Dabei ist das Land genauso sicher wie andere Staaten der Region.

Im Juni wurden in der Provinz Saada im Norden des Jemen mehrere Europäer entführt. Drei davon wurden kurz darauf tot aufgefunden, eine deutsche Familie ist seitdem vermisst. Wissen Sie etwas über Ihr Schicksal?

Al-Qirbi: Das ist einer der ungewöhnlichsten Entführungsfälle im Jemen. Er hat bei allen Jemeniten zu heftigen Reaktionen geführt. Es hat im Jemen keine Tradition, dass Touristen oder Besucher getötet werden – oder gar Leute, die kommen, um zu helfen. Die jemenitische Regierung hat alle nur erdenklichen Schritte unternommen, um mehr Informationen über die Entführten zu bekommen. Wir haben eine Operationszentrale, die 24 Stunden in Betrieb ist, um den Fall zu verfolgen. Das wirklich ungewöhnliche ist, dass bisher niemand die Verantwortung für die Entführung übernommen hat. Wir sind auf unseren Geheimdienst angewiesen, um in die betroffenen Gebiete vorzudringen und herauszufinden, ob die Verschleppten noch am Leben sind. Und auch, wo sie sich befinden – damit wir das Nötige tun können. Natürlich stehen wir in engem Kontakt zu den deutschen Sicherheitsvertretern im Jemen.

Sie sagen, niemand hat die Verantwortung übernommen. Was denken Sie, wer die Entführer sein könnten?

Al-Qirbi: Einige Gebiete in der Region Saada sind unter der Kontrolle der Houthi-Rebellen. Wir glauben, dass die Houthis wissen, wo die Entführten sind. Denn sie wissen über jede Bewegung in der Gegend Bescheid. Aber die Rebellen verweigern jede Information. Die zweite Gruppe, die für die Entführung verantwortlich sein könnte, ist al-Qaida. Sie hat aber ebenfalls nicht die Verantwortung übernommen. In der Region gibt es auch Schmuggel über die Grenze nach Saudi-Arabien – könnten Schmugglerbanden in die Entführung verwickelt sein? Das sind Fragen, die wir zu beantworten versuchen.

Gegen die schiitisch-zaiditischen Houthi-Rebellen führt Ihre Regierung seit Jahren einen Krieg, in den jetzt auch Saudi-Arabien verwickelt wird. Warum sind Sie nicht imstande, den Konflikt zu beenden?

Al-Qirbi: Nach den ersten Zusammenstößen im Jahr 2004, und genauso nach dem Wiederaufflammen des Konflikts in den folgenden Jahren, versuchte die Regierung jedesmal, mit den Rebellen zu verhandeln. Die Houthis haben die Zeit jedesmal genutzt, um sich auf die nächste Schlacht vorzubereiten. Wir sind der Meinung, dass es diesmal die letzte sein sollte. Wir sind nicht bereit, einen Waffenstillstand zu erklären und ihnen erneut die Chance zur Wiederaufrüstung zu geben. Die militärischen Aktionen werden weitergehen, bis die Rebellen bereits sind, die Bedingungen der Regierung anzuerkennen. Das Problem ist, dass die Houthis nie wirklich erklärt haben, was ihre Ziele sind. Möglicherweise ist die Unterstützung durch Gruppen von außerhalb des Jemen ein Grund für ihren Kampf.

Spielen Sie auf die Iraner an? Manche Beobachter sprechen schon davon, im Jemen werde ein Stellvertreterkrieg zwischen dem Iran und Saudi -Arabien ausgefochten.

Al-Qirbi: Solche Analysen sind ein Versuch, den Konflikt aus seinem eigentlichen Kontext herauszulösen. Es geht hier um die Rebellion einer jemenitischen Gruppe, die gegen die Regierung und die Verfassung des Jemen die Waffen erhoben hat. Nun wird diese Gruppe von iranischen Kräften unterstützt. Aber die Aufständischen gehören der Sekte der Zaiditen an, nicht der im Iran vorherrschenden Variante des schiitischen Glaubens. Sie berufen sich auf die Zugehörigkeit zu den Schiiten, um die Unterstützung der Iraner zu bekommen. Die Saudis sind nur deswegen in den Konflikt involviert, weil die Rebellen auf ihr Territorium vorgedrungen sind.

In den letzten Jahren gab es im Jemen eine Reihe von schweren Terroranschlägen. Die US-Botschaft wurde wiederholt angegriffen, aber auch Touristen wurden getötet. Warum ist al-Qaida im Jemen so stark?

Al-Qirbi: Al-Qaida nutzt jede Situation, die Instabilität mit sich bringt, wie etwa die Rebellion der Houthis. Die Regierung ist mit dem Aufstand beschäftigt, und die Terroristen können ihre Anschläge ausführen. Aber die terroristischen Aktivitäten sind gegen weiche Ziele gerichtet. Sie greifen zum Beispiel Polizisten in ihren Autos an. Die Regierung hat al-Qaida stark unter Druck gesetzt, und jetzt wollen sie zeigen, dass sie noch da sind. Das ist übrigens nicht nur im Jemen so. Aber sie sind keine echte Bedrohung für die Sicherheit.

Sie glauben also nicht, dass der Jemen der nächste «failed state» werden könnte, ein gescheiterter Staat wie Somalia oder Afghanistan, wie es manche Experten befürchten?

Al-Qirbi: Das hat nichts mit al-Qaida zu tun. Diejenigen, die Jemen als möglichen «failed state» sehen, denken an die Fähigkeit der Regierung, die wirtschaftlichen Herausforderungen zu meistern. Oder an die Fähigkeit zu politische Reformen, zur Aufrechterhaltung des Rechts. In dieser Hinsicht ist der Jemen aber nicht bedroht. Natürlich brauchen wir die Hilfe der internationalen Gemeinschaft, um die Herausforderungen zu meistern.

Was sollte Deutschland tun? Bei Ihrem Besuch in Berlin wurde auch der 40. Jahrestag der Wiederaufnahmen diplomatischer Beziehungen zum Jemen gefeiert.

Al-Qirbi: Die Beziehungen zwischen dem Jemen und Deutschland sind außerordentlich gut. Die Deutschen sind sich bewusst, dass der Jemen Aufmerksamkeit und Hilfe verdient, beim Bemühen um Stabilität, beim Kampf gegen den Terrorismus. Deutschland hilft dem Jemen dabei, eben kein gescheiterter Staat zu werden.

 

Abubakr al-Qirbi ist Außenminister der Republik Jemen. Das Interview erschien am 25. November 2009 bei news.de.

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