Das Grollen der Muslime

In einem Dresdner Gerichtssaal wird eine junge Muslimin ermordet – und in islamischen Ländern kocht der Volkszorn hoch: Demonstranten beschimpfen Deutschland, aber auch Intellektuelle melden sich zu Wort. Warum die Wut ernst genommen werden sollte.

 

Hunderte schwarzgekleideter Demonstrantinnen vor der deutschen Botschaft in Teheran, «Nieder mit Deutschland!»-Rufe und Eierwürfe an die Fassade – es ist wohl kein Zufall, dass die Wut auf die Bundesrepublik im Iran am ausdauerndsten zelebriert wird. Heute legte Präsident Mahmud Ahmadinedschad noch einmal nach: Der Mord an einer jungen Ägypterin in einem Dresdner Gerichtssaal am 1. Juli sei im Auftrag der Bundesregierung geschehen, ließ er eine Sprecherin erklären.

Der Führung in Teheran kommt die Bluttat offensichtlich gelegen. Mit verbalen Angriffen auf Berlin versucht man, die Zweifel an der Präsidentschaftswahl im Iran in den Hintergrund treten zu lassen, westliche Kritik an der brutalen Unterdrückung der Protestbewegung zu kontern. Und dabei können die Vorwürfe nicht absurd genug daherkommen, auch Sanktionen gegen Deutschland brachte Ahmadinedschad schon ins Spiel.

Das iranische Regime versucht, den Mord an Marwa el-Sherbini zu instrumentalisieren. Die Wut in der islamischen Welt aber hat Ahmadinedschad nicht erst entzündet – sie war schon vorher schon da. Als die Getötete in der ägyptischen Hafenstadt Alexandria in einem großen Trauerzug zu Grabe getragen wurde, waren auch dort Hasstiraden auf Deutschland zu hören, und Rufe nach Vergeltung. Im Internet schlossen sich Diskussionsgruppen zusammen, Bildergalerien und Videos wurden eingestellt.

Auch differenzierte Stimmen kritisieren die Doppelmoral des Westens

Die Bundesregierung bemühte sich zu spät um Äußerungen der Anteilnahme, um eine klare Position. In der öffentlichen Debatte stand längst fest: Marwa el-Sherbini ist dem deutschen Rassismus und Islamhass zum Opfer gefallen, sie wurde getötet, weil sie einen Schleier trug. «Märtyrerin mit Kopftuch» nannten Zeitungen die junge Frau. In der reißerischen Berichterstattung gingen Zwischentöne unter: Dass der 28-jährige Täter, ein Russlanddeutscher, gar nicht in Deutschland aufgewachsen war. Dass sich Mörder und Opfer zur Berufungsverhandlung vor Gericht trafen, weil die deutsche Justiz islamfeindliche Pöbeleien des Täters eben gerade nicht ignoriert, sondern ihn dafür verurteilt hatte.

Solche Tatsachen spielten keine Rolle – denn die Geschehnisse von Dresden rührten an tiefsitzenden Emotionen vieler Menschen in islamischen Ländern: dem Gefühl, ungerecht behandelt zu werden. Dieses Gefühl kommt keineswegs nur in geifernden Hetzreden zum Ausdruck, bricht sich nicht nur im «Allahu akbar»-Geschrei von Protestzügen Bahn. Auch differenziertere Stimmen kritisieren eine Doppelmoral des Westens gegenüber der islamischen Welt.

Der ägyptische Bestsellerautor Abu Alaa al-Aswani beklagte in einem in der Süddeutschen Zeitung veröffentlichten Essay das geringe Medienecho, das Marwa el-Sherbinis Tod in Deutschland zunächst fand – und verglich es mit der Aufregung um die junge Iranerin Neda Agha-Soltani, die nach ihrem Tod am Rand einer Teheraner Demonstration zur Ikone der Protestbewegung avancierte.

Die ganze Empörung in Europa und Amerika über Wahlfälschungen und Brutalität der Milizen habe keineswegs der Demokratie gedient, schrieb Al-Aswani. Vielmehr sei es um die Bloßstellung eines Regimes gegangen, das die westliche Vormachtstellung gefährde. Das, so der Schriftsteller, werde an der Tatsache offensichtlich, dass weitaus autokratischere arabische Regime wie dasjenige Ägyptens ungeschoren bleiben – weil sie eben mit dem Westen verbündet sind.

Ganz so einfach ist es indes nicht. Al-Aswani übersieht einen wichtigen Grund für die Resonanz, die die iranischen Proteste in Europa fanden: Dass es solche Proteste überhaupt gab. Die Ansprüche an den Iran stiegen, als für breite Schichten im Westen die Ansätze einer iranischen Zivilgesellschaft erkennbar wurden. Auf eine so mächtige Artikulation des Volkswillens wartet man aus den meisten arabischen Hauptstädten bisher vergeblich.

Viele Muslime fühlen sich unter Generalverdacht – nicht zu Unrecht

Dass aber westliche Bekenntnisse zur Demokratie in muslimischen Ohren hohl klingen müssen, wenn gerade in der islamischen Welt Diktatoren hofiert werden, das ist nicht von der Hand zu weisen. Wenn europäische Staaten und die USA einer demokratisch gewählten palästinensischen Regierung die Zusammenarbeit verweigern, weil sie Hamas heißt, dann legt das für eben für viele Muslime nur einen Gedanken nahe: Dass ihnen verweigert werden soll, was bei anderen selbstverständlich ist – nämlich das Recht, ihre Führung selbst zu bestimmen. Die Gleichgültigkeit, mit der in den Konflikten in Afghanistan, dem Irak oder auch im Gazakrieg Opfer unter der (muslimischen) Zivilbevölkerung in Kauf genommen werden, tut ein Übriges.

Dazu kommen: Guantanamo und Kopftuchdebatten, Karikaturenstreit und alltägliche diskriminierende Erfahrungen, etwa bei den Einreiseprozeduren in die USA oder nach Europa. Viele Muslime fühlen sich unter Generalverdacht, und sie haben damit bisweilen vielleicht nicht einmal unrecht. Es ist eine bezeichnende Randnotiz der Dresdner Tragödie, dass die Sicherheitsbeamten im Gericht ihre Waffen irrtümlich nicht gegen den europäisch aussehenden Täter richteten, sondern gegen den ägyptischen Ehemann der Ermordeten, der seiner Frau zu Hilfe kommen wollte.

So grotesk die aggressive Rhetorik des iranischen Präsidenten und anderer Demagogen auch sein mag: Die Befindlichkeit der Muslime sollte man ernstnehmen. Sie ist ein Hinweis darauf, dass manches schief läuft im Verhältnis des Westens zur islamischen Welt.

 

Der Text erschien am 15. Juli 2009 bei news.de.

Tags: , , ,

Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>