Am Rand des Reisezirkus

Die Stände auf der Tourismusbörse in Berlin locken mit Palmeninseln und Metropolenflair, Luxushotels und Bergbauernhöfen. Manche Aussteller aber müssen für Reiseziele werben, die kaum an Urlaubsfreuden und friedliche Tage denken lassen. Ein Besuch bei drei Sorgenkindern des Tourismus.

 

Der Minister ist ein kleiner, ruhiger Mann mit schütteren Haaren. Genauer gesagt ist Januz Kastrati stellvertretender Minister für Handel und Industrie der Republik Kosovo. Er steht im hinteren Bereich des Kosovo-Standes auf der ITB in Berlin, direkt vor der Stellwand, auf der ein paar verblichene Poster für die landschaftliche Schönheit des kleinen Balkanstaats werben. Weil weit und breit keine Einkäufer der Reisekonzerne zu sehen sind, hat Kastrati Zeit, über Tourismus zu reden, und über das Kosovo.

Bisher kommen wenige Menschen auf die Idee, die beiden Begriffe miteinander in Verbindung zu bringen, und so ist Januz Kastrati nach Berlin gereist. Wie viele Touristen zurzeit ins Kosovo kommen, kann er nicht sagen. Es gibt keine Tourismusagentur im Land, die solche Statistiken erheben könnte. Fest steht aber, dass es mehr werden sollen.

«Wir wollen unser Image verbessern», sagt Kastrati, «weil wir wissen, wie wichtig das ist». Mit dem Image des Kosovo steht es nicht zum Besten. Wenn in den europäischen Zeitungen von dem Land die Rede ist, dann geht es meistens um Schutztruppen, ethnische Spannungen zwischen Albanern und der serbischen Minderheit, und um die organisierte Kriminalität.

In den Broschüren, die auf der Messe ausliegen, sind andere Seiten des Kosovo zu sehen: Bewaldete Berge und wilde Schluchten, pittoreske Dörfer und historische Moscheen – ein unentdecktes Reiseland tut sich da auf, fremd und doch so nah. Vielleicht könnte der Begleittext zur Imagekorrektur beitragen, doch wer ihn verstehen will, der muss Albanisch sprechen.

Dass Werbematerial in englischer Sprache nötig wäre, vielleicht auch deutsch, französisch, italienisch, das ist dem Minister bewusst. «Wir werden uns im nächsten Jahr viel besser vorbereiten», sagt er. Mehr Fläche solle angemietet werden, neue Poster gedruckt und neue Kataloge. «Die Wirkung wird dann viel besser sein», sagt Kastrati.

Das Kosovo ist zum ersten Mal dabei auf der ITB. Der Tourismus, hofft Kastrati, könnte eine wichtige Einnahmequelle werden für das Land, in dem die Wirtschaft schwach ist und die Arbeitslosigkeit hoch. Immerhin, es seien schon viele Journalisten an seinen Stand gekommen, sagt der Minister, darunter auch ein Team des serbischen Fernsehens. Ein hoffnungsvolles Zeichen, dass der Name des Kosovo eines Tages tatsächlich an Bergwanderungen denken lässt, nicht mehr zuerst an den Krieg und seine Folgen? Das kleine Land hätte das verdient, meint Januz Kastrati. «Wer einmal da war, nimmt es anders wahr.»

Der sudanesische Tourismuswerber hat ein Problem mit den Medien

Ein paar Messehallen weiter klingt das ganz ähnlich: «Wenn Sie in Khartum sind, werden Sie feststellen, dass es der friedlichste Ort der Welt ist.» Da hat sich Graham Abdelgadir Gmeen schon wieder etwas beruhigt, und preist die Vorzüge der sudanesischen Hauptstadt, den neuen Flughafen, die fünf-Sterne-Hotels, die Lage am Zusammenfluss von weißem und blauem Nil.

Der Informationsdirektor des sudanesischen Tourismusministeriums hatte sich in Rage geredet, und schuld an seinem Zorn waren die Medien. «Die reden nur von Darfur, Darfur, Darfur.» Als ob die Krisenregion das Zentrum des Landes sei, dabei liege sie doch im äußersten Westen, an der Grenze zum Tschad, und überhaupt: Probleme gebe es doch überall.

«Die Medien geben Sudan ein schlechtes Image», sagt Graham Abdelgadir. Und das ist schmerzlich, denn schließlich gibt es so viel zu sehen in Afrikas größtem Land. Auch der Sudan hofft auf mehr Touristen. Der Informationsdirektor deutet auf die Broschüren, die überall auf dem Stand ausliegen. Die Pyramiden von Meroe sind darauf zu sehen, archäologische Stätten von Weltrang, in Nubien gelegen, im Norden des Sudan.

Natürlich dürfe man auch die Naturwunder nicht vergessen, sagt Abdelgadir. Der längste Fluss Afrikas, der Nil. Die Küste am Roten Meer, mit ihren Korallenriffen. Die größten Nationalparks nördlich des Äquator. Und dann die Menschen: «Wir haben so viele Stämme und Kulturen im Sudan», sagt Abdelgadir.

Der Sudan sei mehr als eine Million Quadratmeilen groß, und nur in zwei von 25 Provinzen gebe es Probleme. Der Direktor nickt zu einem Tisch hin, der am Rand des sudanesischen Standes steht. Das sei ein italienisches Reiseunternehmen. «Wie könnte es im Sudan arbeiten, wenn es nicht sicher wäre?»

Vom brüchigen Frieden im Südsudan spricht er nicht, auch nicht vom Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs gegen Präsident Umar al-Baschir. «Die Probleme sind von den Medien erzeugt», sagt Graham Abdelgadir noch einmal, «der Sudan ist sicher.» Um den Menschen in Europa und der Welt das mitzuteilen, ist er aus seinem Ministerium in Khartum nach Berlin gekommen.

Die heilige Stadt als Hauptstadt-Attrappe

«Wer einmal nach Palästina kommt, kommt immer wieder», sagt Majed Ishaq vom palästinensischen Ministerium für Tourismus und Altertümer. Er sitzt in einer der Sitzgruppen an der Frontseite des Messestands, den seine Behörde auf der ITB hat errichten lassen. Hinter ihm erhebt sich eine dekorative Fassade mit kleinen Türmchen, der Stadtmauer von Jerusalem nachempfunden. Die heilige Stadt der drei großen, monotheistischen Weltreligionen nennt er dann auch als erstes, als er aufzählt, was Reisende sich anschauen sollten in Palästina.

Eigentlich ist Ishaq ganz zufrieden mit den Touristenzahlen in seinem Heimatland. Eine Million Besucher seien im vergangenen Jahr gekommen, das ist nicht schlecht für ein kleines Land wie Palästina. Wenn nur die Probleme nicht wären.

Ishaqs größtes Problem ist ebenfalls auf der ITB vertreten: Die israelische Tourismusbehörde wirbt ebenfalls für Reisen nach Jerusalem. Sie hat ihren Stand in der selben Halle wie die palästinensische, allerdings am entgegen gesetzten Ende. Näher kommt man sich auch zuhause nicht, obwohl beide Länder dort Nachbarn sind.

Der israelische Feldzug in Gaza Anfang des Jahres, der habe einen herben Einschnitt für den Tourismus bedeutet. In manchen Ländern dächten die Menschen jetzt, Palästina sei kein sicherer Ort, sagt Ishaq. «Sie hören nur von den Kriegen.» Dabei sei das Land so sehenswert, die Menschen gastfreundlich, die Kriminalität gering.

Das Problem, meint Ishaq, seien die Checkpoints, die Israels Armee in allen Städten des Westjordanlandes unterhält, und an der Grenze. «Sie kontrollieren alle, Touristen wie Einheimische.» Damit behinderten die Israelis den Tourismus. Seine Regierung versuche, Druck auf Israel auszuüben, um den Reisenden die Bewegung zu erleichtern. Das sei zum Besten beider Seiten, der Palästinenser wie der Israelis. «Wir bewerben schließlich dasselbe Land» sagt Ishaq, «wir müssen kooperieren, um solche Hindernisse abzubauen».

Sollte die Zusammenarbeit dann nicht weiter gehen? Warum wird Jerusalem auf zwei getrennten Messeständen angepriesen? Reisen nicht viele Besucher ohnehin in beide Länder?

Natürlich wolle man gemeinsame Werbeaktivitäten, sagt Ishaq. Aber im Moment gehe das eben nicht. «Wir beharren darauf, dass zuerst die existierenden Probleme gelöst werden müssen.» Das sei besser, als das Land mit all seinen Problemen auf einer Messe zu bewerben.

Für Majed Ishaq ist Israel am Zug, um die Probleme zu lösen, die den Tourismus im heiligen Land behindern. Denn die kontrollierten schließlich die Checkpoints und die Grenze. «Die Israelis müssen mehr investieren», sagt er. Dann verschwindet er hinter der Jerusalem-Attrappe.

Der Artikel erschien am 14. März 2009 bei news.de.

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